Wald der Apachen

Es ist 5.30 Uhr. Ich stehe am Ufer einer kleiner Bucht im Bosque del Apache Naturreservat. Nach 10 Tagen im Yellowstone Nationalpark bei Temperaturen von bis zu minus 30° C bin ich nun im sonnigen Neu Mexiko. Bei angenehmen minus 13° C habe ich mir heute morgen, schon lange vor Sonnenaufgang, einen vielversprechenden Standort ausgesucht und meine Kameras aufgebaut. Es wird nicht mehr lange dauern bis Scharen von Fotografen eintreffen, und natürlich will jeder den optimalen Platz um ein einzigartiges Naturschauspiel zu erleben und zu fotografieren.

Schneegänse
Bosque del Apache, der Wald der Apachen, ist ein 120 km südlich von Socorro an den Ufern des Rio Grande gelegenes kleines Naturreservat in Neu Mexiko. Bekannt geworden ist es durch die hier alljährlich überwinternden Schneegänse. Von November bis März halten sich mehr als 20.000 in diesem Gebiet auf. Auch ihre kleineren Verwandten, die Ross- Gänse, sind mit bis zu 2000 Exemplaren vertreten. Ihre Nahrung finden die Gänse auf extra für sie angelegten Getreide- und Maisfeldern im Park. Mehrere flache Seen, die durch Kanäle mit dem Wasser des Rio Grande gespeist werden, bieten den Gänsen geeignete Ruheplätze. Jeden abend finden sie sich kurz vor Sonnenuntergang in großen Scharen ein um, vor Freßfeinden geschützt, die Nacht hier zu verbringen. Dann sieht man auch zahlreiche Kanadakraniche weit ab vom Ufer im flachen Wasser stehen.

jSchneegänseSobald die Sonne wieder aufgeht ist für die Schnee-gänse die Nacht vorbei. Sie fliegen zu den umliegenden Futterplätzen, wo sie sich den ganzen Tag lang aufhalten. In diesem Jahr gibt es jedoch ein seltsames Verhalten zu beobachten. Kurz vor Sonnenaufgang verlassen die Schneegänse die sichere Gewässermitte und sammeln sich in einer kleinen Bucht direkt am Ufer, nur wenige Meter von uns entfernt. Noch im Dunkeln kommen Trupps mit einigen tausend Gänsen und landen direkt vor unseren Füßen. Innerhalb einer viertel Stunde treffen ca. 10.000 bis 15.000 Stück ein. Wie jeden morgen hoffe ich auch heute wieder auf mein Glück, denn das was jetzt folgt ist eine Sache von wenigen Minuten. Sobald die Sonne über die Berge steigt werden alle Gänse gleichzeitig auffliegen, eine Rund über den See drehen und dann in alle Himmelsrichtungen verschwinden. Starten sie zu früh ist es zum fotografieren noch zu dunkel, starten sie zu spät ist das Gegenlicht zu stark. Alle Fotografen warten gespannt auf den Sonnenaufgang.

Schneegänse
Plötzlich, es ist noch dunkel, werden die Gänse unruhig. Schnell habe ich den Grund dafür entdeckt. In der Ferne sehe ich die Silhouette eines Weißkopfseeadlers, der direkt auf mich zu fliegt. Wie auf Kommando fliegen alle Gänse gleichzeitig auf und mit lautem Geschrei kreisen sie über uns. Soll es denn heute wieder nicht klappen? Der Adler dreht ab, die Gänse beruhigen sich schnell und landen wieder. Glück gehabt. Es kann nur noch ein paar Minuten dauern, bis sich die Sonne zeigt. Sobald sich die ersten Strahlen über die Berge schieben färbt sich der Himmel rot. Für wenige Minuten scheinen der aufsteigende Nebel und das Wasser zu glühen. Die Fotoausrüstung ist bereit. Das 600mm-Objektiv ist auf dem Stativ montiert, je eine Kamera mit einem 28-75mm und dem 70-200mm Objektiv liegen griffbereit. Dann ist es so weit. Die Sonne steigt über den Bergrücken und tatsächlich, heute starten die Gänse genau zur richtigen Zeit. Das Licht ist optimal und in wenigen Sekunden sind meine Filme belichtet. Für einen Filmwechsel bleibt keine Zeit mehr, denn schon sind die Gänse am Horizont verschwunden.
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