Nur eine Chance

1984 - ich hatte gerade mit der Tierfotografie begonnen - las ich in einer Fotozeitschrift einen Artikel über die Pyrenäen. Der Autor zeigte etwas später zu diesem Thema einen Dia-Vortrag, den ich mir natürlich nicht entgehen ließ. Einige Fotos von Gänsegeiern und Bartgeiern hatten es mir besonders angetan. Der Autor stellte jedoch sofort klar, dass die Bartgeier nicht in freier Wildbahn, sondern im Zoo von Salzburg fotografiert wurden.

Mit einem Kollegen fuhr ich dann im Frühjahr 1985 in die spanischen Pyrenäen. Wir wollten unbedingt den Bartgeier finden und, wenn möglich, auch fotografieren. Das blieb natürlich nur ein Wunsch. Während unserer dreiwöchigen Tour bekamen wir den Bartgeier zwar zu Gesicht, aber nur als Silhouette hoch am Himmel. Schnell war uns klar, dass wir in unserer Unerfahrenheit die Reise wohl etwas zu blauäugig angegangen waren. Selbst Fotos von Gänsegeiern gelangen mir trotz 4 Tagen Ansitz nicht. Das Thema Bartgeier war damit erst einmal gestorben.

1998, 14 Jahre nach diesem frustrierenden Erlebnis, rief mich mein Kollege Winfried Wisniewski an und fragte mich, ob ich Interesse habe, mit ihm zusammen nach Südafrika zu fliegen. Sein Plan war es, in den Drakensbergen Bartgeier zu fotografieren. Ich war natürlich sehr skeptisch, weil ich sofort an mein klägliches Scheitern von 1985 erinnert wurde. Nachdem er mir erklärte, dass wir 8 Tage lang an einem regelmäßig von Bartgeiern besuchten Futterplatz ansitzen könnten, stimmte ich begeistert zu.

Bartgeier
Tatsächlich waren die örtlichen Gegebenheiten sehr vielversprechend. Wir hatten die Ansitzhütte, die eigentlich 6 Personen Platz bietet, für uns allein, und so konnten wir uns optimal einrichten. Jetzt mussten nur noch die Bartgeier kommen. Bereits in der Nacht kamen die ersten Gäste an das ausgelegte Luder. Es waren Schabrakenschakale, die die Gunst der nächtlichen Ruhe nutzten. Bereits kurz nach Sonneaufgang versammelten sich oft 50 bis 60 Kapgeier am Futterplatz, und für die Schakale gab es nichts mehr zu holen. Dann sahen wir endlich den ersten Bartgeier. Ein ca. zweijähriger, noch nicht ausgefärbter Vogel, kreiste einige Male über uns und verschwand wieder. Dann ein zweiter und ein dritter Bartgeier, alles noch junge Tiere. Einer landete ca. 70 m entfernt auf einem Felsvorsprung. Mit dem 600 mm Objektiv plus Zweifachkonverter machten wir einige Belegfotos. Er beobachtete die Kapgeier, die sich heftig streitend über das Luder hermachten. Nach kurzer Zeit flog er davon. Das war´s für diesen Tag.


Bartgeier
Nach drei Tagen war von unserem Köder nicht mehr viel zu sehen. Entlang der Felskante legten wir kleine Fleischbrocken und Knochen aus in der Hoffnung, dass die Bartgeier sie entdecken würden. Und tatsächlich kreisten immer wieder einzelne Vögel niedrig über dem Futterplatz. Hin und wieder auch ein schön ausgefärbter Altvogel. Wir konnten die ersten Flugaufnahmen machen, und unsere Stimmung wurde immer besser. Einzelne Tiere landeten für kurze Zeit auf dem selben Felsvorsprung wie schon am ersten Tag. Leider kam der Wind aus der falschen Richtung und die Geier drehten uns beim Anflug immer den Rücken zu. Mittlerweile hatten Lannerfalken und Schakalbussarde unsere ausgelegten Köder entdeckt. Sie waren nicht so zögerlich, und noch bevor die Geier sich zum Landen entschlossen hatten, waren die Köder schon aufgefressen. Also legten wir mehr und vor allem größere Köder aus. Endlich hatten wir Erfolg. Die Bartgeier kamen vorsichtig immer näher an unser Versteck. Wie erwartet waren es überwiegend Jungvögel, die deutlich weniger Scheu zeigten als die erfahrenen Alttiere. Am fünften Tag kam der Wind dann endlich aus der richtigen Richtung, die Sonne stand noch flach am Himmel, und das 600er mit 1,4fach-Konverter war schussbereit. Ein wunderschön ausgefärbter Bartgeier steuerte gezielt die richtige Felskante an und landete mit weit ausgebreiteten Flügeln. Sofort hatte ich ihn im Sucher und der Autofokus arbeitete tadellos. Auf diese Situation, in der alles passt, hatten wir lange gewartet. Es sollte unsere einzige Chance in 8 Tagen bleiben.
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