Tancho, der Rotschopf

Hokkaido, die nördlichste der vier Hauptinseln Japans, ist in der Welt vor allem durch die 1972 dort aus-getragenen Olympischen Winterspiele von Sapporo bekannt geworden. Dass hier aber auch einer der seltensten Vögel lebt, wissen nur wenige Menschen. Im Winter 1998 besuchte ich mit meinem Kollegen Winfried Wisniewski Hokkaido, die Insel der Kraniche. Noch heute werden Teile der Sumpfgebiete trocken gelegt, und der Lebensraum der Mandschurenkraniche schrumpft weiter. Die Ausdehnung der Städte und Industrieanlagen, vor allem aber der starke Ausbau von Überlandleitungen bergen zusätzliche Gefahren für die Kraniche.

Im Kranichzentrum von Akan erhält man alle notwendigen Informationen. In einem kleinen Museum wird eindrucksvoll die Geschichte der Mandschurenkraniche von Hokkaido dokumentiert. Hier bietet sich im Winter auch die Möglichkeit, Kraniche aus nächster Nähe zu fotografieren. Gegen Zahlung eines kleinen Eintrittsgeldes kann man die Fütterung der Vögel miterleben. Über 200 von ihnen kommen täglich zum Futterplatz, wo sie mit Getreide und Fischen versorgt werden. Auch Seeadler und Schwarzmilane, manchmal auch der seltene Riesenseeadler, versuchen, einen hingeworfenen Fisch zu ergattern. Hier kann man auch die faszinierenden Tänze der Kraniche aus nächster Nähe beobachten. Den Kopf hoch erhoben, stolzieren sie im Kreis, stellen ihre schwarzen Schmuckfedern zur Schau, vollführen Luftsprünge und lassen ihren trompetenden Ruf hören.

Nachdem 1924 ein Jäger in den Kushiro-Sümpfen im Süden Hokkaidos einen Mandschurenkranich entdeckt hatte, begann eine beispiellose Rettungsaktion. Bis zu dieser Zeit galt die Art in Japan als ausgestorben. Bei einer groß angelegten Suchaktion stellte sich heraus, dass in den ausgedehnten Feuchtgebieten doch noch einige Vögel überlebt hatten. Sofort wurden die ersten Maßnahmen zur Rettung der letzten Kraniche ergriffen. Fütterungsaktionen in den strengen japanischen Wintern brachten schon nach wenigen Jahren zählbare Erfolge. Der strenge Schutz der Brutgebiete und das absolute Jagdverbot ließen den Bestand bis 1952 auf ca. 30 Tiere anwachsen. Nach Jahren mit stetig schwankenden Zuwachsraten hat sich die Zahl der Kraniche heute auf etwa 600 eingependelt. Das der Bestand in den letzten Jahren nicht mehr steigt, führen die Experten vor allem auf den eingeschränkten Lebens-raum der Kraniche zurück.

Der Mandschurenkranich, die Japaner nennen ihn liebevoll "Tancho", was "Rotschopf" bedeutet, gilt in Japan als Symbol für Glück und langes Leben. In der japanischen Kunst und Religion hat der Mandschurenkranich immer eine bedeutende Rolle gespielt. So findet man sein Verhalten in zahlreichen Tänzen und Bräuchen wieder. Kein anderer Vogel wird in Japan so sehr verehrt, obwohl die wenigsten Japaner je in ihrem Leben einen Mand-schurenkranich in freier Wildbahn sehen werden.

Japan auf eigene Faust zu bereisen ist im übrigen eine abenteuer-liche Sache. Findet man in den Großstädten der Hauptinsel noch Wegweiser in englischer Sprache, zumindest an Flughäfen und Hauptstraßen, so ist man auf Hokkaido ganz auf seine japanischen Sprachkenntnisse angewiesen. Die beschränkten sich in unserem Falle im Wesentlichen auf Worte wie Danke und Prost, womit wir aber den meisten Europäern noch weit überlegen waren. Ohne die japanische Dolmetscherin, die uns auf der gesamten Reise begleitete, wäre dieses Unternehmen kaum möglich gewesen. Für ausreichend Taschengeld sollte man unbedingt sorgen. Japan gilt als das teuerste Reiseland. Eine Dose Bier aus dem Automaten kostet 2,50 €, ein Steak von der Größe einer mittleren Frikadelle ca. 30,-€ und ein Kilo Kirschen kann auch schon mal 100,-€ kosten. Fotografen sollten wissen, dass Filme in Japan doppelt so teuer sind wie hier, und auf die kann man nicht so leicht verzichten wie auf Kirschen.

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